Bekanntlich gibt es nach Jahrhunderten der Philosophie eine ganze Reihe sogenannter Wahrheitstheorien, und die heute noch diskutierten, die zu einem großen Teil in den Umkreis der analytischen Philosophie zählen, teilen sich überwiegend in zwei Gruppen auf, nämlich die a) Korrespondenztheorien und b) die Kohärenztheorien. Diesen (und auch weiteren, wie der heideggerschen ontologischen Theorie) ist gemein, dass sie stets pauschal von der Aussage einerseits und vom Ding/Sachverhalt andererseits sprechen.
Ich bin dagegen der Meinung, dass es erforderlich ist, auf der Gegenstandsseite zu differenzieren, sonst bringt uns das Ergebnis der Untersuchung gar nicht weiter.
Es gibt eine noch nicht abgeschlossene Liste von Gegenständen, über die Aussagen mit Wahrheitsanspruch gemacht werden, die allerdings sehr verschiedene Antworten auf die Frage verlangen, was das Prädikat „wahr“ bedeutetet bzw. bedeuten kann, und ob ihm überhaupt etwas entspricht.
Der erste, einfachste Fall ist eine Aussage über einen gegenständlichen Sachverhalt, der sich außer Reichweite befindet, wie „Das Spanisch-Lehrbuch liegt aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch“ ( = p).
Laut klassischer Korrespondenztheorie (adaequatio rei et intellectus) ist der Satz genau dann wahr, wenn p der Fall ist. An dieser Stelle wird gerne darüber gestritten, was denn jetzt zwischen dem Satz und dem Sachverhalt das Übereinstimmende ist, wie beide überhaupt etwas Gleiches aufweisen können etc. Derlei Fragen scheinen mir in die Irre zu führen. Denn: Bei der Überprüfung des Satzes vergleichen wir nicht den Satz mit dem Sachverhalt „an sich“, sondern den ideellen Gehalt des Satzes mit dem Gehalt unserer Wahrnehmung bei der Überprüfung. Der ideelle Gehalt des Satzes ist gegeben in Form einer Vorstellung, welche im Satz ausgesprochen ist. Die Vorstellung ist dabei vermutlich in einer Art inneren Vision aufrufbar. Sie entstammt entweder der Erinnerung, einer Schlussfolgerung, einer Hoffnung, einer Information durch Dritte oder ähnlichem. Diese Vorstellung wiederum wird verglichen mit dem, was der Betrachter visuell erfasst, wenn er zu meinem Schreibtisch geht. Wichtig: Es geht nicht darum, was „da ist“, sondern, was der Betrachter sieht. Denn nur einem menschlichen Betrachter erscheint dort ein aufgeschlagenes Buch, auf dem Tisch liegend. Einer Motte, die durchs Zimmer schwirrt, erscheint nichts dergleichen. „Buch“, „Tisch“ „aufgeschlagen“ „liegen auf“ sind Funktionsbegriffe nur innerhalb der menschlichen Sphäre. Bekanntlich gibt es keine Bücher und Tische an sich, sondern nur dargereicht in Anschauungsformen und Kategorien gemäß Kant und gelesen im Sinne ihrer funktionalen Zweckzuschreibung. Das bedeutet, dass der verglichene Sachverhalt nicht aus Dingen selbst besteht, sondern aus dem in der sinnlichen Wahrnehmung Erfassten. Damit würden nur zwei mentale Ereignisse miteinander verglichen, nämlich eines aus der Erinnerung etc. mit einem aus der direkten Anschauung. Das Problem des relationalen Zusammenhangs und der Übereinstimmung zwischen dem grammatischen Gebilde und der Aggregat von Molekülen existiert hier also nicht.
Die zweite Kategorie von Gegenständen ist schon weit schwieriger. Es geht um Aussagen/Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Die idealtypische Aussageform der Naturwissenschaft ist die Gesetzesaussage, am besten in Form einer Gleichung, also einem formalisierten Wenn => Dann Verhältnis. Die Res, die Sache, unterscheidet sich in zweierlei Hinsicht von derjenigen im ersten Beispiel: Sie ist zum einen zuvor unbekannt gewesen, und zweitens betrifft sie nicht nur eine konkrete vorliegende Beobachtung, sondern alle vergleichbaren Fälle gemäß der eigenen Definition. Die allgemeine Vorstellung ist, dass es hier um die Struktur der menschenunabhängigen Wirklichkeit geht. Massen ziehen sich an nach folgender proportionaler Regel: G = usw. Das Problem, wie sicher dergleichen Aussagen der Naturwissenschaften sind (Induktionsproblem), kann hier beiseite bleiben.
Natürlich spricht man in der Naturwissenschaft heutzutage nicht von “Wahrheit“ und „wahr“ sondern von „Theorien“, die soundso „gut belegt“ sind. Denn eine Theorie ist, im Unterschied zur Wahrheit, nicht das letzte Wort. Eine verbesserte Theorie könnte noch einfacher, genauer oder noch umfassender ausfallen. Ein ganzer Phänomenbereich könnte auch durch ein neues Paradigma komplett anders beschrieben werden. Dennoch glauben viele, dass die Wirklichkeit selbst in einer objektiven materiellen Struktur besteht, welche gemäß den von uns erforschten physikalischen Gesetzen ihren Zustand ändert. Diese Struktur bestünde gewissermaßen an sich, und die Aufgabe der Wissenschaft wäre, sie offenzulegen. Das ist die materialistische Vermutung, und auf sie ist die heutige Forschung im Wesentlichen bezogen. Eine Sache gilt dann als verstanden oder erklärt, wenn die Erklärung und deren Überprüfung sich gut in die materialistische Vermutung einfügen. Bei der materialistischen Vermutung handelt es sich um eine metaphysische Hypothese. Sie ist die große aber unbeweisbare Leitidee der neuzeitlichen Wissenschaft, angefangen von Denkern wie Bacon, Hobbes und Descartes. Ungeachtet der Tatsache, dass sie auch (mit guten Gründen) in der Kritik steht, verdankt sie ihre Anerkennung den unbestreitbaren Erfolgen im Bereich der Physik und später auch Chemie. Die gesamte westliche Technik baut auf diesen Erfolgen auf.
Jetzt muss man zu einer feinen Unterscheidung kommen. Es sagen nämlich die einen, die Materialisten, dass die Naturgesetze die Struktur der Natur selbst beschreiben, und damit „wahr“ sind, wenn auch vielleicht nur in der Beschreibung aus einer bestimmten Perspektive.
Dagegen gibt es eine andere Position (u.a. Peter Janich), die besagt, dass die Naturgesetze, wie sie von den Naturwissenschaftlern formuliert werden, nicht die Struktur der Natur als solcher beschreibt, sondern vielmehr eine Art verallgemeinertes Handwerkswissen darstellen. Sie halten in verdichteter Form fest, was wir tun müssen, wenn wir einen bestimmten Effekt erzielen wollen. Für diesen Ansatz ist die Tatsache zentral, dass Forscher beim Forschen nicht unbeteiligt neben der Natur stehen, um diese abzubilden, sondern jeweils aus einem lebensweltlichen Interesse heraus Fragen stellen, um dann praktische Antworten zu erhalten. Das ist nur ein Beispiel für Kritik am materialistischen Paradigma der Wahrheit.
Man sieht, dass die Frage nach der Wahrheit in der Naturwissenschaft geradewegs in die Metaphysik führt, und ist deshalb unter der Formel „hypothetischer Materialismus“ dort suspendiert.
Bevor ich zu einem dritten Bereich komme, muss noch eine Anmerkung vorausgeschickt werden. Sie betrifft die Tatsache, dass im praktischen Leben nur sehr Weniges direkt der unmittelbaren Anschauung entnommen wird. Der weit überwiegende Teil unserer „Welt“ wird ergänzt durch spontanes Auffüllen unterschiedlich konkreten und bewussten Grades, so dass je das Gefühl einer vollständigen „Welt“ vorhanden ist. Eine Fahrt von zwei Stunden im Auto erscheint phänomenologisch als monotoner Blick auf die Straße mit wenigen Eindrücken links und rechts und nachdem sie absolviert ist, ist es unmöglich, die Fahrt aus dem Wahrgenommenen zu rekonstruieren, noch die Abfolge der Stellen, die passiert wurden usw. Aber diese Zeit mit wenigen aufmerksamen Erinnerungen wird als kontinuierliche Fahrt abgebucht im Ordnungszusammenhang des Bewusstseins mit einer kohärenten raum-zeitlichen Orientierung. Aber diese Orientierung entstammt eben ganz überwiegend NICHT der Wahrnehmung, sondern ist ein Ergänzungswerk unserer Fähigkeit zum Aufrufen einer kompletten kohärenten Welt. Ohne diese Tätigkeit würde unsere Lebenserfahrung in zerhackten, zusammenhanglosen Erlebnissen bestehen, ohne Verankerung in Zeitpunkt und Ort, als je unverständliches bloßes Hier und Jetzt.
Und von hier aus kommen wir zu einem dritten Bereich der Wahrheitsfrage. Es geht um die menschliche Lebenswelt als Gegenstand von Meinungen und Aussagen. Viel weniger noch als unser persönlicher Tagesablauf ist das Geschehen in unserer Stadt und darüber hinaus direkt der Anschauung entnommen, sondern vermittelt durch Lektüre, Medien und Erzählungen. Unser Bild von der Gesellschaft besteht fast ausschließlich aus unsinnlichen Konzepten und vagen Bildern von den dort stattfindenden Dynamiken. Es ist schwer auszumachen, auf welche Art von zugrunde liegender Wirklichkeit sich Aussagen mit Wahrheitsanspruch überhaupt beziehen. Man streitet darum, ob gewisse Phänomene überhaupt existieren als reale Faktoren: Patriarchat, Klassenbewusstsein, Rechtsruck, Politikverdrossenheit, Störung des sozialen Friedens, etc. Ist der Mensch per se gut oder böse oder weder noch? Was bedeutet das, dass wir hier keine klare Antwort finden? Wenn zeitgebundene intellektuelle Platzhirsche wie Konrad Lorenz („das sogenannte Böse“) oder Erich Fromm („Die Anatomie der menschlichen Destruktivität“) glauben, das Problem definitiv gelöst zu haben, zeigt sich schnell, dass sie damit falsch liegen.
Das Methodenproblem in den Sozialwissenschaften ist riesengroß (und ungelöst). Und dennoch ist die Vorstellung, sich mit Aussagen über gesellschaftliche, politische Angelegenheiten auf Wahrheit zu beziehen, unverzichtbar. Die Annahme einer objektiven Struktur einer Gesellschaft ist hier allerdings noch schwieriger zu vertreten als im Bereich der Naturwissenschaften, weil hier die sich wandelnden Überzeugungen, Interessen und Aufmerksamkeitsausrichtungen der Menschen für das Geschehen entscheidend sind. Dennoch ist die Idee nicht abzuweisen, dass bestimmte Vorstellungen über die Gesellschaft richtig sind, wie denn auch bewiesen wird durch konkretes politisches Handeln, das eben funktionieren kann oder eben nicht.
Für die Theorien der Wahrheit ist es augenscheinlich entscheidend, welches Referenzgebiet man wählt. Es kommen entsprechend verschiedene Antworten heraus, wenn man von der Soziologie ausgeht und zu der Ansicht kommt, dass Wahrheit nur eine Währung im Kampf um gesellschaftliche Macht ist oder in der Naturwissenschaft die verborgene Mechanik der Welt bestimmen will oder wie Anselm von Canterbury Gottes Plan.
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