Zur Frage des Guten

Der Begriff des Guten ist der zentrale Begriff der Moralphilosophie. Von vornherein ist zu unterscheiden zwischen dem „gut für“ und „gut schlechthin“ oder einfach nur „gut“ ohne weiteren Zusatz. Das „gut für“ ist kein Gegenstand der Moralphilosophie, sondern der instrumentellen Vernunft, des Zweckhandelns. Es ist keiner weiteren Betrachtung bedürftig. Die Frage, was „gut“ im zweiten Sinne eigentlich bedeutet, dagegen schon. Dieses „gut“ ist ständiger Bezugspunkt in moralischen Fragen und vielen anderen Entscheidungssituationen.

Die erste systematische Untersuchung dazu hat bekanntlich Platon angestellt, und kam dabei zu dem Ergebnis, dass das Gute (ich übersetze jetzt) gewissermaßen den Wesenskern alles Geschöpflichen ausmacht, denn es ist das, woran alles Natürliche teilhat. Eine Schöpfung die gut ist, unterscheidet sich wesentlich von einer Welt, die einfach nur vorhanden ist. (Der Begriff Schöpfung ist an dieser Stelle nicht zu verwechseln mit seinem Gebrauch in der christlichen Religion mit ihrem dezidierten personalen Schöpfer, welcher seinem Geschöpf, dem Menschen gegenüber Absichten hegt und mit einem Katalog von Forderungen an in herantritt). Es ist damit nur gesagt, dass das Naturgegebene darüber hinaus, dass es ist, auch gut ist und damit in gewissem Sinne auch sein soll. Dieses Sein-Sollen führt auf eine Selbstzweckhaftigkeit, welche bei Kant dasjenige am anderen ist, dem die unbedingte Achtung gebührt, woran also der Eigensinn seine Grenze findet.

Kant bestimmte den guten Willen als das einzige, das in Reinform gut genannt werden kann. Damit ist die Vorstellung zurückgewiesen, dass das Gute in irgendeiner gegenständlich bestimmbaren Form vorliegt, als ein benennbares Ziel oder definierbarer Begriff. Stattdessen erscheint es in der handelnden Bezugnahme auf Selbstzweckhaftes.

Es sind also mehrere Momente am Werk: Erstens, dass das Gute sich nicht in einem Ergebnis, in einer Qualität oder einem Zustand darstellt, sondern in einem Bezug, das heißt in einem Ausgerichtetsein auf Selbstzweckhaftes als Selbstzweck. Dies setzt natürlich zweitens voraus, dass das Selbstzweckhafte als ein solches auch anerkannt wird, also im Sinne seines Sein-Sollens. Der Prozess führt daher zur Voraussetzung der Sinnhaftigkeit der Schöpfung insgesamt, was eine metaphysische Grundposition darstellt. Und drittens zeigt sich das Gute im Prozess (wie die Gerechtigkeit bei Aristoteles), und damit nicht als mögliches Objekt des Mit-dem-Finger-drauf-Zeigens.

Gutes schlechthin ist also überhaupt nur denkbar in einer Welt, die Selbstzweckhaftigkeit kennt, die wahrgenommen wird in ihren einzelnen Wesen und als gesamte als sein sollende, als gemeinte, als nicht kontingent oder zufällig.

Als Menschen sind wir eingebunden in das Gewebe des Lebendigen. Der Blick auf das Ganze ist für uns unerreichbar. Seine Selbstzweckhaftigkeit setzen wir voraus, so wie wir dies wahrnehmen in unserem eigenen Willen zum Leben. Unser Wille, unsere Liebe zum Leben dient als Beleg zur Selbstzweckhaftigkeit der natürlichen Welt überhaupt.

Die Natur hat uns dabei in einen Zusammenhang gestellt, in dem das gegenseitige Töten eine Unausweichlichkeit darstellt (und wo wir es nicht selber tun, müssen andere es für uns erledigen). In einer solchen Welt – und damit komme ich wieder auf Kant zurück – kann das Gute sich nur in der jeweiligen konkreten AUSRICHTUNG der Absicht erweisen, nicht aber in der Bemühung um Herstellung eines Idealzustands.


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