Teleologie und ihre Bedeutung

Teleologie ist ein Konzept, das hauptsächlich in der Naturphilosophie behandelt wird und das dort aus verschiedenen Gründen oft bekämpft wird.

Grundsätzlich geht es bei Teleologie um die Phänomene der Funktionalität (etwa von Organen lebendiger Wesen), der Zielorientierung (etwa von Wachstumsprozessen, Bewegung und Verhalten von Lebewesen) als auch der Zweckmäßigkeit größerer Systeme (also von Ökosystemen oder der irdischen Natur insgesamt).

Die teleologische Betrachtungsweise ist deshalb so umstritten, weil sie Implikationen mit sich führt, die bestimmten metaphysischen Grundpositionen entgegenstehen, welche weltanschaulich sehr aufgeladen sind. Diese Grundpositionen sind:

  • Es gibt keinen Schöpfer und kein schöpferisches Prinzip in der Natur
  • Die Welt ist ein geschlossener Kausalzusammenhang, in dem Teleologie keinen Platz hat. Dementsprechend gibt es kein aktives Prinzip wie Lebenskraft, Streben u. dgl.

Die Ablehnung des teleologischen Prinzips erfolgt nicht aus der Ansehung der Natur selbst, welche überall überquillt vor Beispielen von Funktionalität und Zielgerichtetheit, sondern aus Gründen der Verteidigung der gerade genannten und mit ihnen zusammenhängender Überzeugungen. Bestreiter der Teleologie müssen dabei einen erheblichen theoretischen Aufwand betreiben, um das Augenfällige zu delegitimieren.

Derzeit gibt es zwei „Baustellen“, an denen das Thema Teleologie in der Diskussion zutage tritt, und die jeweiligen Standardpositionen dort in Schwierigkeiten bringt.

Die eine befindet sich im Bereich der Philosophie des Geistes im Zusammenhang mit dem Leib-Seele-Problem, und taucht dort in der Form auf, dass sich nach Jahrzehnten der Versuche des Ignorierens und Beiseiteschiebens langsam die Einsicht durchsetzt, dass Bewusstsein ohne INTENTIONALITÄT nicht zu haben ist. Die Notwendigkeit, dies einzusehen, ist vermutlich eher über die ewig scheiternden Bemühungen um eine „echte“ KI gekommen als über die Einsicht der analytischen Philosophen. Das Ärgerliche dabei für die Forschung besteht darin, dass echte Intentionalität sich auf technischem Wege nicht herstellen lässt, sprich: niemals das Resultat eines Kausalprozesses sein kann. Damit ist das Projekt „echte KI“ abgeblasen.

Während die KI-Forschung es bei dem Befund bewenden lassen kann, steht auf der anderen Baustelle eine größere Weltanschauung auf dem Spiel. Die Rede ist von der Evolutionsbiologie. Die Evolutionsbiologie will erklären, wie komplexen Strukturen der vielfältigen Lebensformen aus Einzellern entstanden sind (so nämlich die Vermutung). Dabei werden diese hypothetischen Einzellervorfahren selbst als Apparaturen begriffen, welche sich auflösen lassen in rein chemische Prozesse (so zumindest die Überzeugung). Die Entwicklung zu den höheren Lebensformen erfolgte laut Theorie über einen Kausalmechanismus, in dem der milliardenfache glückliche Zufall (verstanden als Systemfehler) eine Hauptrolle spielt.

Auch hier wehrt man sich mit allem, was das rhetorische und intellektuelle Vermögen hergibt gegen die Notwendigkeit der Einsicht, dass Struktur und Verhalten lebendiger Wesen weder erklärt noch überhaupt nur beschrieben werden können ohne die Anerkennung ECHTER Intentionalität. Intentionalität hier nicht nur bezogen auf das Verhalten, sondern auch auf die Funktionalität von Organen und Strukturen, die nicht nur vorhanden sind, sondern nur über ihr „um zu“ überhaupt verstanden und beschrieben werden können.

Im Verlaufe des Abwehrkampfes wurde von einem britischen Biologen namens Colin Pittendrigh 1958 ein neuer Terminus erfunden: „Teleonomie“. Kurz gefasst besagt dieser Ausdruck, dass eine natürliche Struktur vielleicht so aussieht, als sei sie zu einem bestimmten Zweck vorhanden, aber das sieht eben nur so aus: In Wahrheit existiert kein Zweck. Der Vogel hat die Flügel nicht, um damit zu fliegen, sondern er fliegt damit, weil er sie eben hat. Ebenso pumpt das Herz das Blut und transportiert dabei den Sauerstoff, weil es eben zufälligerweise da ist, und nicht, UM damit die damit verbundenen Funktionen zu erfüllen. An diesen Beispielen wird deutlich, dass es so gut wie unmöglich ist, die betreffenden Organe auch nur zu beschreiben, ohne auf ihre Funktion Bezug zu nehmen. Die Strategie besteht also darin, das Offensichtliche zum Schein zu erklären, in der Hoffnung, dass man damit durchkommt. Bei genauer Betrachtung und strikter Anwendung führt dieser Versuch allerdings schnell ins Absurde und stößt an seine Grenzen. Selbst der Begriff des „Überlebens“, eine zentraler Begriff der gesamten Evolutionstheorie, ist ohne seine teleologische Implikation völlig ohne Inhalt. Es läuft darauf hinaus, dass die gesamte Evolutionstheorie bei strikter Vermeidung teleologischer Implikationen gar nicht formulierbar ist bzw. nur so, dass sie komplett leer und tautologisch ist.

Jemand fasste das Dilemma der Evolutionsbiologen mit der Teleologie einmal so zusammen: „Die Teleologie ist für den Evolutionsbiologen wie eine Mätresse: Er kann nicht ohne sie sein, möchte in der Öffentlichkeit aber nicht mit ihr gesehen werden.“

Noch einmal zu der Frage, was mit der Abwehr der Teleologie überhaupt verteidigt wird. Die Antwort lautet: Es ist der Materialismus als zugrunde liegende metaphysische Annahme der Biologie. Der Materialismus ist die offizielle Grundannahme der Naturwissenschaft, und wer daran zweifelt aber weiterhin veröffentlichen möchte, behält es lieber für sich.

Die Anerkennung echter Zielgerichtetheit und Funktionalität in der Natur hingegen bedeuten das Eingeständnis, dass – in welcher Form auch immer – Mentales gegebenenfalls materiellen Prozessen vorausgeht, denn jede Funktion, jede Zielverfolgung verweist auf einen mentalen Hintergrund.

In der europäischen Geistesgeschichte wurde dieser Hintergrund bislang stets unmittelbar mit (dem christlichen) Gott identifiziert, was natürlich völlig unzulässig ist. So hat auch bereits Kant in seinen Widerlegungen der Gottesbeweise den teleologischen Gottesbeweis (er nannte ihn physiko-theologisch) in der KrV damit zurückgewiesen, dass die Existenz von Zweckmäßigkeit in der Natur nur die Anordnung der Dinge betreffe, aber nicht ihr Vorhandensein insgesamt, und dass deswegen noch nicht ein allmächtiger Schöpfer bewiesen sei sondern höchstens der Hinweis auf einen Arrangeur. Insgesamt fasst er die Finalität in der Natur in der KdU unter die sogenannten regulativen Ideen der Vernunft, sprich, als eine gewissermaßen notwendige Lesart, welche uns unser Erkenntnisvermögen in einer Art Maßnahme zur Komplexitätsreduktion aufdrängt. Seinem erkenntnistheoretischen Ansatz gemäß vermeidet Kant hier jegliche Behauptung über den ontologischen Status des Zweckmäßigen in der Natur.

In heutiger Zeit verkörpert niemand so sehr wie Richard Dawkins den weltanschaulichen Konflikt zwischen einem Schöpfungsglauben religiöser Provenienz und einem naturwissenschaftlich inspirierten Materialismus. Mit gleichem Eifer wirbt er für die Übernahme des Darwinismus  in die allgemeine Weltanschauung, wie er für die Verdammung der Religion und des Gottesglaubens kämpft. Hier (er ist beileibe kein Einzelfall) tritt also die vermeintliche Konfliktlinie offen zutage.

Allerdings braucht man nicht einmal Kant, sondern nur das eigene Denken zu bemühen, um einzusehen, dass mit der Anerkennung echter teleologischer Prozesse in der Natur noch keine Übernahme irgendwelcher Gottesvorstellungen verbunden ist. Was aber damit verbunden ist, ist die notwendige Konsequenz, dass der Materialismus, der in der Biologie als metaphysische Grundannahme in Geltung ist, falsch sein muss. Und da dies den eigentlichen Kern des Kampfes gegen die Teleologie darstellt, ist die Religion hier nur ein Strohmann, den man verprügelt. Dabei wird allerdings verkannt, eventuell sogar vorsätzlich, dass der Materialismus auch ganz ohne Religion mit Lehm und Rippe in großen Schwierigkeiten steckt, insofern das Vorhandensein von echten teleologischen Strukturen und Prozessen in der Natur gar nicht von der Hand zu weisen ist. Aristoteles hat die Finalursachen in seine 4-Ursachenlehre auch komplett ohne religiösen Bezug aufgenommen.

Es geht um die Beschaffenheit der Natur selbst. Der Materialismus und die darauf basierenden Theorien haben den Blick ideologisch verengt und geradezu in Blindheit geführt. Mehr noch: In Konzepten wie „Teleonomie“ fordern sie geradezu zu vorsätzlicher Blindheit auf. Es ist schon ähnlich wie bei der Behauptung von Geschlecht als rein soziales Konstrukt oder beim Verbot für die Polizei in der Schweiz, die Hautfarbe bei der Beschreibung flüchtiger Krimineller zu erwähnen.

Die grundlegende These und das Fazit hier lautet: Beim heutigen Stand der Theorie in der Naturwissenschaft ist das Ausräumen von Müll und Vorurteil oft die umfangreichere Aufgabe bei der Suche nach Erkenntnis als der Aufbruch ins Neue. Derzeit gilt: Erst die totale Auslöschung des materialistischen Vorurteils ermöglicht wieder den offenen Blick auf die Natur und Kenntnisnahme ihrer Phänomene. Mit bloßem Bekenntnis ist es allerdings nicht getan.  


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